Die Orgel der Bessunger Kirche

 

Erbauer: Rudolf von Beckerath, Hamburg, 1967

 

Klang aus 1800 Pfeifen - Die Beckerath-Orgel der Bessunger Kirche wird fünfzig (2017)

Text von unserem Kantor Joachim Enders

Seit gut achtzehn Jahren versehe ich das Amt des Kirchenmusikers in der Petrusgemeinde, und ich habe seither nur die allergrößte Freude und Dankbarkeit empfunden darüber, an einem so wunderbaren Instrument wie der Beckerath-Orgel in der Bessunger Kirche spielen zu dürfen, einem besonderen Ort mit einer Gemeinde, die Musik besonders zu schätzen weiß.

In diesem Sommer besuchte ich in Hamburg ein Orgelkonzert in St. Petri, einer der fünf Hauptkirchen der Hansestadt. Dort steht eine viermanualige große Orgel aus dem Jahr 1956, die erste, die Rudolf von Beckerath in seiner Heimatstadt erbaute. Es war ein Gesprächskonzert mit mehreren Organisten, die in dieser Kirche Dienst tun, und man spürte: damals wie heute steht dieses Instrument und steht sein Erbauer dort in hohem Ansehen.

Zurecht war die Firma Beckerath aus Hamburg in den 1960er Jahren eine der führenden Orgelbauwerkstätten in Deutschland.

So hat die Petrusgemeinde im Jahr 1967 eine sehr gute Wahl getroffen, und hat sich bewusst für ein qualitativ absolut hochwertiges Instrument entschieden. Hier wurde nicht am falschen Ende gespart, und diesem Umstand ist es zweifelsohne zu verdanken, dass die Orgel auch heute noch genauso gut „in Schuss ist“ wie vor 50 Jahren.

So manche Orgel, die ich aus dieser Zeit kannte, musste, man glaubt es kaum, mittlerweile bereits wieder ab - gebrochen werden wegen schlechter Verarbeitung und minderwertiger Materialien.

Die Petrusgemeinde hat, wie im Darmstädter Echo damals zu lesen stand, „freigiebig gespendet und den größten Teil für diese Orgel selbst aufgebracht. Die Landeskirche hat geholfen und die Stadt Darmstadt, der dieses unter Denkmalschutz stehende Gotteshaus besonders am Herzen liegt“.

Weiteren Zeitungsberichten im Darmstädter Echo vom Dezember 1967 entnehmen wir, dass die Orgel am 3. Adventssonntag, damals wie auch 2017 an einem 17. Dezember, im Rahmen eines Festgottesdienstes vom damaligen Dekan Wilhelm Stühlinger im Beisein des Orgelbaumeisters Rudolf von Beckerath feierlich eingeweiht wurde. Die Festpredigt hielt Propst Felix Rau, und Organistin Gertrud Schreiner spielte Musik von Johann Sebastian Bach.

Am 1. Adventssonntag 1965 war die Erneuerung der Bessunger Kirche abgeschlossen worden. Die Orgel war eingeplant und gab nun, zwei Jahre danach, dem Gotteshaus seine endgültige architektonische Gestalt. Geschichtlich dokumentiert sind für unsere Kirche insgesamt vier Orgeln.

Die erste stammte von Joh. David Appel aus dem Jahre 1723 (NB in diesem Jahr wurde J. S. Bach zum Thomaskantor ernannt) und tat ihren Dienst bis in die 1870er Jahre. Dann war sie unbrauchbar geworden, das geht aus historischen Zeitungsberichten hervor. Ab etwa 1875 sammelten die Bessunger Chöre und Gesangsvereine bei Benefizkonzerten für die Anschaffung eines neuen Instruments.

Diese zweite Orgel wurde 1884 vom Orgelbauer Voit auf der Nordempore aufgestellt.Bereits 25 Jahre später, beim Umbau der Kirche 1909 durch Prof. Pützer, wurde sie wieder abgetragen.Teile ihres Pfeifenwerks wurden vermutlich in die nun folgende dritte Orgel übernommen, die von der Firma Steinmeyer neu gebaut wurde, deutlich größer war und über dem Altar ihren Platz fand.

Sie wurde 1955 nochmals umgebaut, diesmal von der Firma Walcker, dann aber 1965 im Rahmen der grundle genden Kirchenrenovierung schließlich abgebrochen.

Die Steinmeyer-Orgel hätte – den Ausführungen des damaligen Orgelsachverständigen Horst Bauer zufolge – eine Reparatur nicht mehr gelohnt, zumal das Pfeifenwerk zum überwiegenden Teil gar nicht in der Kirche stand, sondern in der Turmkammer über dem Chorraum unter gebracht war, was sich nicht nur klanglich nachteilig ausgewirkt haben muss. Die mitunter krassen Temperaturunterschiede im Turm einerseits und in der beheizten Kirche andererseits hatten der Orgel im Laufe der Jahre schwer zugesetzt.

Dieses zuletzt gewiss unzulänglich gewordene Instrument aus der Zeit des letzten Großherzogs würde heute vermutlich restauriert und als Denkmal erhalten bleiben, handelte es sich doch um die einzige Orgel in Darmstadt, die den Krieg überdauert hatte. 

1967 dachte man da anders, aber nichtsdestoweniger freuen wir uns auch nach fünfzig Jahren noch immer an dem schönen Instrument, das nach dreijähriger Planung von einer internationalen Crew in die Bessunger Kirche eingebaut wurde. Beteiligt am Aufbau waren, neben Rudolf von Beckerath persönlich, als Mitarbeiter auch ein junger amerikanischer und ein französischer Orgelbauer. Soweit der kurze Abriss zur Geschichte der Orgel(n) in unserer Kirche.

Hier soll nun auf einige orgelbautechnische und stilistische Merkmale eingegangen werden.
Wie schon dargelegt, hatte unsere Orgel drei Vorgängerinnen. Diese stammten aus den Jahren 1723, 1884 und schließlich von 1909.
Diese dritte Orgel war über dem Altar angebracht worden. Damit folgte der Architekt Friedrich Pützer seinem so genannten „Wiesbadener Modell“, die Orgel im Altarbereich zu positionieren. Dies lässt sich heute noch sehen in der von ihm entworfenen Lutherkirche in Wiesbaden. Auch die – ebenfalls von Pützer stammende – Darmstädter Pauluskirche besaß bis zur Zerstörung 1944 eine große romantische Orgel im Altarraum.

Die Orgel von 1909 in der Bessunger Kirche hatte als einzige in Darmstadt den Krieg überdauert, war aber technisch im Laufe der Jahre unzulänglich geworden und wurde bei der grundlegenden Kirchenrenovierung 1965, als die aus der Zeit des Jugendstil stammende Ausgestaltung des Innenraums zurückgebaut wurde, nicht mehr übernommen. Heute würde ihr historischer Wert als Denkmal sicher anders bewertet.

In den 1960er Jahren galt sie aber auch deshalb als „out“, weil sie im Stil der so genannten Orgelromantik disponiert worden war – wir müssen uns einen grundtönigen, eher dunklen Klang vorstellen mit vielen Registern in gleicher Lage (8’), ohne die charakteristischen hohen und silbrigen Farben und mit zarten Klängen, die an ein Harmonium erinnern – so entsprach die neue Orgel jetzt dem neobarocken Zeitgeschmack im damaligen Orgelbau, in bewusster Anlehnung auch an französische Barockorgeln, was wir heute noch als zeitgemäß, oder besser gesagt, als zeitlos empfinden, auch wenn man inzwischen und zum Glück auch der romantischen Orgel wieder ihren Wert als solchen zuerkennt.

Der Klang von romantischen Orgelregistern, die sich vielfach an mit Dämpfer gespielten Streichinstrumenten orientierten und Namen hatten wie „Violone“, „Schwebung“, „Dolce“ oder „Äolsharfe“, galten Mitte der 1960er Jahre und davor bereits, als sentimental und geschmacklos.

Darin war man sich im Orgelbau einig, setzte nun wieder auf klare und prägnante Klangfarben, und kehrte somit zur Klangästhetik des Barock zurück, der die erste Orgel von 1723 entsprochen haben mag.

In unserer Orgel gibt es z.B. eine kraftvolle „Trompete“, ein „Fagott“, ein französisches „Cromorne“ (Krummhorn) und auch ein „Cornet“, dazu Prinzipale in verschiedenen Oktavlagen und viele Flötenregister. Hinzu kommen die hohen Klangfarben,, die dem Orgelplenum den charakteristischen Glanz verleihen, sie heißen „Nasard“, „Terz“, „Larigot“, „Mixtur“ und „Scharf“.

Die Orgel hat vier Werke, verteilt auf drei Manuale (Klaviaturen) und das Pedal, statt eines Schwellwerks verfügt sie über zwei Rückpositive (diese werden gespielt auf den Manualen I und III), das sind die beiden „Kleinorgeln“, die an der Empore den Spieltisch flankierend angebracht sind und bis fast in die Mitte des Raums ragen.

In dieser Doppelung und in der räumlichen Anlage, die den Zuhörer im Hauptschiff mitten in den Klang hinein nimmt, handelt es sich hier um eine äußerst selten anzutreffende, geradezu einzigartige Bauweise, die freilich auch nur in diesem Kirchenraum und auf dieser großen Westempore so zu realisieren war.

Im hinteren mittleren Gehäuse schließlich befinden sich das Pedalwerk und das Hauptwerk (Manual II). Am freistehenden Spieltisch laufen alle Züge zusammen, die Verbindung von Tasten und Pfeifen – es sind ihrer rund 1800 – ist rein mechanisch.

Damit war ein System aus der klassischen Zeit des Orgelbaus wieder aufgegriffen worden, das von der Mitte des 19. Jahrhunderts an bis etwa 1930 in Vergessenheit geraten war. In der so genannten Orgelromantik setzte man auf pneumatische Trakturen, was mit oftmals großen Verzögerungen einherging zwischen dem Betätigen einer Taste und dem Ansprechen einer Pfeife.

Nun also war man mit der Beckerath-Orgel, wie zuvor bereits bei zahlreichen Neubauten in Darmstädter Kirchen – stellvertretend seien genannt die in der Christuskirche 1964 erbaute Schuke-Orgel und die Bosch-Orgel in der Stadtkirche (1961) – zur mechanischen Traktur nach den Idealen der Barockzeit zurückgekehrt.

Die 28 Register unserer Orgel werden, wie damals und heute meistens üblich, elektrisch betätigt.

Als erste Orgel in Darmstadt verfügte unser Instrument aber 1967 bereits über eine Setzeranlage. Im Computer- Zeitalter ist dies längst allgemeiner Standard geworden, damals aber war es ein absolutes Novum im Orgelbau, und in dieser mechanischen Form ein von Beckerath neu entwickeltes Patent.

Sie tut ihren Dienst zuverlässig bis heute, diese raffinierte Konstruktion, mit deren Hilfe der Organist verschiedene Registerkombinationen vorprogrammieren und in schneller Folge abrufen kann, z. B. beim Wechseln der Klangfarben vom Choralvorspiel zum Gemeindegesang, oder zwischen den einzelnen Strophen der gesungenen Lieder. Und freilich bei der Wiedergabe der klassischen Orgelliteratur, die ich mit großer Freude und Inspiration stets gerne in Gottesdiensten spiele.

Da der Setzer mechanisch arbeitet und nicht durch elektrische Relais oder von einem Computer angesteuert wird, kann man kleine Reparaturen auch mal selbst vornehmen.

Da genügt es mitunter, dass man einen Bautenzug aus dem Fahrradladen holt und den vorhandenen austauscht, um die Zugkraft der Setzersteuerung, die mittels eines inzwischen ebenfalls fünfzig Jahre alten Waschmaschinenmotors im Spieltisch betrieben wird, zu regulieren, sollte die Anlage mal kleine „Ermüdungserscheinungen“ zeigen und nicht blitzschnell ansprechen.

Das ist doch irgendwie sympathisch und fast menschlich, und ich möchte drum auch gar keinen digitalen Setzer mit unendlicher Speicherkapazität haben, wie man ihn heute üblicherweise einbaut.

Die Beckerath-Orgel der Bessunger Kirche stellt einen hohen und zeitlosen Wert dar. Sie ist auf eine so hervorragende Weise gearbeitet, disponiert und klanglich intoniert, dass sie, bei regelmäßiger Pflege versteht sich, Jahrhunderte überdauern, noch viele Generationen erfreuen und zur Ehre Gottes erklingen kann, davon bin ich fest überzeugt.

Technisch detailliert und mit Angaben zur Disposition beschrieben wird unsere Orgel auch auf der Homepage der Petrusgemeinde, sowie auf einem im Eingangsbereich der Kirche ausliegenden Faltblatt. Dort findet sich auch ein Beitrag, den der damalige Orgelsachverständige Horst Bauer für die Festschrift zur Einweihung verfasst hat. Darauf sei hier gesondert verwiesen.

Die Disposition der Orgel:

3 Manuale

4 Setzerkombinationen

Schleifenwindladen, mechanische Spieltraktur, elektrische Registratur.

Disposition:

Pedalwerk:
Subbass 16'  Principal 8'   Oktave 4'   Nachthorn 2'   Mixtur 4f   Fagott 16'   Schalmei 4'

Hauptwerk:
Principal 8'  Rohrflöte 8' Oktave 4'  Spitzflöte 4'  Nasal 2 2/3'  Oktave 2'  Cornet 5f  Mixtur 4-6f Trompete 8'

Rückpositiv I (Süden):
Quintadena 8'  Principal 4'  Oktave 2'  Scharf 4-4f  Cromorne 8'

Rückpositiv II (Norden):
Gedackt 8'  Gedacktflöte 4'  Quintflöte 2 2/3'  Kleinflöte 2'  Terz 1 3/5'  Larigot 1 1/3'  Schwiegel 1' (Tremulant)

Vor der Kirchenumgestaltung im Jahr 1965 befand sich die Orgel in einer Turmkammer über dem Chorraum. Das zwei Quadratmeter große Loch in der Turmwand ließ nicht viel von ihrem Klang in den Kirchenraum dringen. Der Spieltisch stand auf der nördlichen Seitenempore, viel zu weit vom Werk entfernt. Die Folgen waren: schlechte Klangentfaltung, mangelnde technische Zuverlässigkeit und nur bedingte Verwendbarkeit im Zusammenwirken mit Chor und Instrumenten. Eine Übernahme des alten Spielwerks aus dem Jahr 1884 in die neugestaltete Kirche war nicht zu verantworten.

Die vergrößerte Westempore wurde als der geeignete Platz für die neue Orgel ausgewählt. Dort steht jetzt das Hauptwerk, flankiert von den beiden Pedalwerkstümen. In den Schrägteilen der Emporenbrüstung steht je ein Rückpositiv, direkt in den Raum abstrahlend. Vom Hauptwerk ertönt das gravitätisch volle Spiel, korrespondierend mit dem südlichen Rückpositiv, dessen volles Spiel zierlich ist. Auf dem nördlichen Rückpositiv werden die Soloregistermischungen gespielt, vom Hauptwerk begleitet. Das Pedalwerk übernimmt im allgemeinen den Bass. Für jedes der vier Werke gibt es im Spieltisch je eine Klaviatur, drei für die Hände, eine für die Füße. Der Spieltisch steht frei auf der Empore. Die Verbindung zwischen Tasten und Pfeifen ist rein mechanisch, die Register werden elektrisch betätigt. [Horst Bauer, Auszug aus einer Festschrift aus dem Jahr 1967]

                                                                     

Hier ein kurze Hörprobe..... aber noch besser klingt es Sonntags im Gottesdienst :-)

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aus der CD Feierlicher Dialog, eingespielt unter anderen von unserem Kantor Herrn Joachim Enders.