Geschichte der Bessunger Kirche


Im Jahr 2002 feierte die Petrusgemeinde das 1000-jährige Bestehen ihrer Kirche. In einer Urkunde aus dem Jahr 1002 bestätigt Kaiser Heinrich II dem Bischof Burchard von Worms die Jagdrechte im „Reichsforst Forehai bis zur Kirche, die in Bezingon liegt.“

Es ist eine fränkisch-merowingische Siedlung aus dem 6./7. Jahrhundert nachgewiesen, am Kreuzungspunkt alter Reichsstraßen, dort, wo heute der Forstmeisterplatz liegt. In der Nähe dieser Siedlung wird etwa um 900 die erste Kirche auf dem Hügel des heutigen Kapellbergs gebaut worden sein.

Schon im Jahr 1013 gab der Bischof von Worms die Grafschaft Bessungen ab an das Bistum Würzburg. Die Bedeutung und Eigenständigkeit Bessungens änderte sich im Jahr 1369, als die Marienkapelle in Darmstadt zur Pfarrkirche erhoben wurde und alle Einkünfte des Dorfes an die dortigen Pfarrstelleninhaber gingen. Als historischer Nachweis der Bessunger Kirche aus dieser Zeit ist allein eine Glocke aus dem Jahr 1435 erhalten. Sie trägt eine Inschrift mit dem Namen Johannes des Täufers, dem die Kirche vermutlich geweiht war. Im Gemeindezentrum der Andreasgemeinde wird diese Glocke noch heute von Hand geläutet.

Die Reformation zog 1526 in Darmstadt ein, als in der Stadtkirche der lutherische Pfarrer Nikolaus Maurus eingesetzt wurde, der auch für die Gottesdienste in der Bessunger Kirche zuständig war. Im Jahr 1574 wurde Bessungen in Kirchenkreisen unrühmlich bekannt, weil Pfarrer Abraham Moterus die Gemeinde für viele Jahre in Schulden stürzte mit einer zu umfangreichen Reparatur des Kirchengebäudes, die eher einem Neubau gleichkam.

1605 und 1625, vor und während des 30jährigen Krieges, wütete in Bessungen die Pest, nur wenige Bewohner überlebten die Seuche. Doch die Gemeinde erholte sich schnell und kam zu bescheidenem Reichtum. Während der 48jährigen Amtszeit von Pfarrer Konrad Schwaner, 1657 bis 1705, wurde ein neues Pfarrhaus errichtet, es stand westlich des heutigen Pfarrhauses.Der Pfarrer Christian Agricola ließ während seiner Amtszeit, 1719 bis 1730, die erste Orgel für die Kirche bauen, sie war bis 1884 in Gebrauch.

Für die Toten der stetig wachsenden Bessunger Gemeinde reichte bald der Friedhof rund um die Kirche nicht mehr, ab dem Jahr 1839 beerdigte man sie auf dem neuen Bessunger Friedhof. Nicht nur der Friedhof, auch die Kirche war der Gemeindegröße nicht mehr angemessen, und so erfolgte 1883/1884 eine Erweiterung mit dem Anbau von Nord- und Südemporen und der Verlegung des Eingangsportals von Süden nach Westen.

Das Pfarrhaus aus dem 17. Jahrhundert war als Pfarrerwohnung nicht mehr zumutbar und wurde im Jahr 1886, in der Amtszeit von Pfarrer Georg Krätzinger, durch einen heute noch genutzten Neubau im neo-klassizistischen Stil ersetzt.

Zeitgleich mit der Eingemeindung des selbständigen Dorfes Bessungen in die Stadt Darmstadt im Jahr 1888 erfolgte eine Wandlung der bäuerlichen Bevölkerungsstruktur zu einer wohlhabenden Bürgergemeinde. In die neuen Wohnstraßen in Bessungen zogen immer mehr Menschen, damit stieg auch die Zahl der Mitglieder der Kirchengemeinde.

Als Folge wurde im Jahr 1902 die neu gegründete Paulusgemeinde aus der Bessunger Gemeinde ausgegliedert, sie erhielt 1907 eine eigene Kirche. Die Bessunger Gemeinde nennt sich seitdem Petrusgemeinde, die Kirche führt offiziell den Namen Bessunger Kirche.

Weitere Gemeindeneugründungen im Stadtteil Bessungen waren die Matthäusgemeinde im Jahr 1935, mit einem Kirchenneubau im Jahr 1950, und die Andreasgemeinde im Jahr 1958, die 1961 ihren Gemeindesaal bekam.

Bereits 24 Jahre nach der letzen Erweiterung wurde in den Jahren 1908 / 1909 die Bessunger Kirche erneut umgebaut und vergrößert. Der Architekt Friedrich Pützer verlängerte das Kirchenschiff nach Westen, erneuerte und verbreiterte die Emporen nach Süden und Norden, errichtete Treppenhäuser und eine neue Sakristei und legte einen überdachten seitlichen Zugang zur Kirche an, den Brautgang. Die Innengestaltung der Kirche mit großen Aposteldarstellungen und dunklen Ornamenten auf den Stirnwänden orientierte sich am Jugendstil.

Im 2. Weltkrieg blieb die Kirche unversehrt. 1965, unter Pfarrer Lothar Biedenkopf, wurde das Innere der Kirche von Kirchenbaumeister Karl Gruber und Architekt Friedrich Scholl grundlegend umgestaltet. Durch die Entfernung der Jugendstil-Dekoration der Gebrüder Linnemann und die einheitlich gebrochen weiße Farbgebung entstand der Charakter einer schlichten Dorfkirche.

Ein vom Künstler Bruno Müller-Linow gestaltetes buntes Altarfenster zeigt Motive aus dem Leben des Jüngers und Apostels Petrus. Der erhöhte Altarraum wurde in den Kirchenraum hinein vorgezogen und erhielt einen schweren Altartisch aus Muschelkalk, der das Zentrum der Kirche bildet. Das Altarfenster zeigte vorher Christus und die beiden Emmausjünger, 1909 gestaltet von den Gebrüder Linnemann. Diese Motive befinden sich jetzt dreigeteilt im Westgiebel hinter der Orgel.

1967 konnte die neue Beckerath-Orgel auf der Westempore eingeweiht werden, nachdem bei der letzten Umgestaltung die Orgel aus der Öffnung über dem Chorraum entfernt worden war. Die Gestaltung des Kirchen-Innenraums ist seit 1965 unverändert.

Bei der letzten Renovierung unter Pfarrer Manfred Raddatz im Jahr 2002 wurde eine neue Beleuchtung installiert, ein bronzenes Tor zum Haupt-Treppenaufgang wurde vom in Darmstadt lebenden Holländischen Kunstschmied Cornelis Hoogenboom angefertigt, ebenso ein Ständer für die Taufkerze.

Helmut Laudert