Brunnenrelief im Brautgang der Bessunger Kirche

(Professor Ernst Riegel, 1909)

"Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir." (Ps. 42, 1)

Wonach wir lechzen, das brauchen wir unbedingt. Lechzen ist mehr als ein heimlicher Wunsch. Lechzen ist mehr als eine stille Sehnsucht im Herzen. Wonach wir lechzen, das spannt unseren ganzen Willen an, mit allen Fasern unseres Körpers und mit allen Kräften unseres Gemüts streben und leben wir darauf zu: ·

Für viele Menschen der Urlaub: einmal im Jahr wenigstens tun und lassen was ich will, endlich frei sein von den Zwängen des Alltags, einmal im Jahr etwas anders sehen, etwas Neues erleben. ·

Für andere das eigene Haus, die größere Wohnung: nun kann sich das Leben entfalten, denn Raum und Weite ist gewonnen. ·

Für Kinder vielleicht ein Haustier: Nun dürfen (müssen) sie täglich den Hund spazierenführen. ·

Für die Kleinen das Eis, nach dem sie lechzen in der Hitze des Sommers, auch wenn der Durst hernach größer sein wird.

Ja, wir verlangen nach Leben, nach Erfüllung und Glück. Wie ein durstiges Tier nach Wasser schreit, so lechzen wir nach Leben. Ständig steht uns der Sinn nach mehr. Manchmal fragen wir uns selbst: "Warum bist du so angespannt, meine Seele, warum bist du so unruhig in mir?" ... "Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir." Jawohl, nach Gott, denn woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott. Woran hängen wir unser Herz? An den lebendigen Gott, oder an die selbstgemachten Götzen unseres habsüchtigen Herzens? ? Aber wer kann da unterscheiden?

Nehmen Sie einmal die Bibel zur Hand und lesen Sie den ganzen 42. Psalm! Der Beter "schüttet sein Herz aus", er erinnert sich an frohe Tage früher erlebter gottesdienstlicher Feste, das Singen und Beten in der Gemeinde. Doch dann kommt wieder die Frage hoch: "Wo ist er denn heute, dieser Gott?" Wenn wir in unserem Innern so fragen, wenn wir uns erinnern an erfüllte Tage, und wenn das Verlangen nach erfülltem Leben in uns durchbricht, vielleicht kommen wir dann dazu, so zu beten: "Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist." [Manfred Raddatz]