Andacht zum  Karfreitag

 

Seht, das Lamm Gottes

Es sind die Kinder, die die Selbstverständlichkeiten unseres Alltags durchbrechen. Ihre Fragen zu Jesus am Kreuz helfen uns. Sie haben sich an den Anblick noch nicht gewöhnt. So bringen sie uns als Eltern, Großeltern, Paten, Erzieherinnen oder Lehrer neu dazu, genau hin zu sehen. Wo wir, zum Beispiel bei der Besichtigung einer Kirche, an Jesu Kreuz schnell vorübergehen, bleiben sie stehen und wollen alles begreifen.

Das Kreuz wahrnehmen heißt für mich zuerst: nicht über das Leid Jesu hinweg sehen, sondern es ernst nehmen. Wer das bei Jesus übt, den wird es so prägen, dass er auch anderswo die Augen vor dem Leid nicht mehr verschließt. Wer über eigenes oder fremdes Leid zu Jesus kommt, wird in ihm auch den Bruder der Menschen erkennen. Das Kreuz fordert uns auf zum Mitleiden, zur Umkehr und zur Versöhnung. So wie wir manchmal achtlos an einem Kruzifix vorübergehen, so machen wir auch andernorts oft die Augen vor dem Leid der Mitmenschen zu. Anders erging es Jesus vor 2000 Jahren auch nicht. Als er an Palmsonntag in Jerusalem einzog, waren noch alle auf den Beinen. Die Stadt war in freudiger Erwartung. Auch als der römische Stadthalter Pilatus das versammelte Volk vor die Wahl stellte, Barabbas oder Jesus freizulassen, waren noch viele da. Doch in der Todesstunde Jesu wurde es einsam und still um ihn. Selbst die meisten seiner nächsten Freunde sind in alle Richtungen zerstoben.

Das Kreuz Jesu fordert zur Umkehr: Jesus selbst hat seinen Weg als stellvertretendes Handeln gedeutet. Er gibt seinen Leib zur Vergebung für die Schuld der Menschen. Heute ist die Frage nach menschlicher Schuld im Gegenüber zu Gott keine Frage, die offen angesprochen wird. Für die christliche Gemeinde gibt es aber weiterhin den Auf¬trag, genau davon zu sprechen. Der Gekreuzigte gibt sein Leben, um die Brücke zum Vaterherzen Gottes wieder zu errichten.

Das Kreuz Jesu bietet Versöhnung an: Der Weg zwischen uns und Gott ist durch Jesus frei geräumt. Nun können wir sein Kreuz als Versöhnungszeichen annehmen. Ja, wir können inmitten einer Welt der unversöhnlichen Gegensätze einander Zeichen der Versöhnung geben. Wer das Kreuz auf diese Weise ernst nimmt, den trägt es zu Ostern.

Pfarrer Stefan Hucke

Andacht zum 6.Sonntag der Passionszeit - Palmsonntag

 

Sieh genau hin!

Jeder von uns kennt sie, die Stimmungen, die oft scheinbar unaus-weichlich über einen kommen. Es gibt Tage, da leben wir im Hoch-gefühl, dass uns nichts und niemand bremsen kann. Es kommen auch andere Tage, wo unsere Gefühle im Keller sind. Manchmal schlagen bei uns gar die Gefühle von einem Moment zum anderen in ihr Gegenteil um. Gerade bei den Geschehnissen der Karwoche hält uns die Bibel da einen realistischen Spiegel vor. Durch welche Höhen und Tiefen menschlicher Begeisterung und schroffer Ablehnung musste Jesus hindurch!

Alle unsere Wünsche, seine Umstehenden vielleicht nach einfachen Gesichtspunkten in gut und böse einzuteilen, zerbrechen an den Realitäten der Karwoche. Wer von den Begeisterten hielt Jesus wirklich die Treue? Von Tausenden waren es am Ende zwei oder drei, die sich nicht von ihm abwandten, die bei ihm blieben bis zum äußersten Punkt unter dem Kreuz.

Der Einzug in Jerusalem war ein Höhepunkt im Leben Jesu. Die Jünger hatten lange darauf gewartet: Endlich wurden ihm der Jubel und die Aufmerksamkeit zuteil, die ihm eigentlich gebührten. Und dennoch war dieser Tag gleichzeitig der Tiefpunkt seines Lebens, weil sich an ihm eigentlich alles entschied. Der Einzug auf dem Eselsfüllen, unterwegs unter den Vorzeichen der Armut. Und es blieb aus, worauf doch alles Volk spekuliert hatte: die spektakuläre Aktion auf dem Tempelberg, die ganz große, begeisternde und fanatisierende Rede, der machtvolle Hinauswurf der römischen Besatzungsmacht aus dem Heiligen Land.

Jesus zog in Jerusalem ein und brachte keine Aktionen mit, nur sich selbst. Das war der Volksmenge offensichtlich zu wenig. Deshalb kippte die Stimmung innerhalb weniger Stunden um. Worauf warten wir? Ist es uns zu wenig, das Leben und Leiden Jesu für die Menschheit, für den Menschen neben uns, für uns? Schauen wir in den Spiegel der Passion. Sehen wir genau hin!

Pfarrer Stefan Hucke

Andacht zum 5.Sonntag der Passionszeit - Judika

 

Wegzeichen

Ein am Weg aufgehäufter Steinhaufen in den Bergen, ein Zeichen, das dem Wanderer hilft, seinen Pfad zu finden. Auch bei schlechter Sicht, bei rauem Wetter, ja sogar bei Schnee tut es seinen Dienst. Ein Wort aus der Bibel kann für uns auch so sein. Durch die Gezeiten des Lebens bekommen wir Orientierung und Halt, weil es uns begleitet. Es hat uns nicht immer das Gleiche zu sagen. Aber es hat uns immer etwas zu sagen. Auch Menschen können uns zu „Wegzeichen" werden. Wir gehen aus einer Begegnung gestärkt heraus. Jemand hat uns auf etwas sehr Wesentliches aufmerksam gemacht. Ein Rat hilft uns wirklich weiter. So wird ein anderer zu einer Hilfe für gelingendes Leben. Gewöhnlich sehnen wir uns nach solchen Begegnungen. Und warten auf sie. „Wenn nur jetzt jemand da wäre, der mich versteht." Nur langsam lernen wir in der Schule des Lebens, dass wir eigentlich von keinem etwas erwarten können, was uns selbst schwer fällt.

Wenn ich mich nach einem ermutigenden Gespräch sehne, muss ich mich auch fragen, auf wen ich denn eigentlich mit einem ermutigenden Wort zugehe. Wenn ich gerne meinen Kummer und meine Freude mit einem anderen Menschen teilen möchte, stellt sich die Frage, wem ich selbst dieses Angebot mache. Wer kann bei mir auftanken? Wer bekommt bei mir einen Rat, der weiter hilft? Sind Geben und Nehmen in meinem Leben im Lot?

Jesus sagt: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele." Sein Kreuz ist das entscheidende Wegzeichen. Er fragt nach dem, was wir brauchen. Er will, dass unser Leben gelingen kann. Er schont sich nicht, sondern gibt bis zum Letzten alles, was er hat. Die Botschaft an uns ist eine doppelte: weil er uns dient, mit allem, was er hat, sind auch wir dazu berufen, vom anderen her zu denken. Zum zweiten: weil in seinem Kreuz der entscheidende Dienst für unsere Welt getan ist, kann unser Dienst füreinander auch Grenzen haben. Keiner soll sich selbst verzehren. Wir sollen einander getrost das Menschenmögliche geben. Alles andere ist die Sache des gekreuzigten und auferstandenen Herrn Jesus Christus selbst.

Pfarrer Stefan Hucke

Andacht zum 4.Sonntag der Passionszeit - Lätare

 

Gleichnis zum Leben

In der Schule befassen wir uns mit der Welt der Gleichnisse. Ich erzähle den Kindern davon, wie Jesus von dem einen Schaf und den neunundneunzig sprach. Abends beim Zählen findet der Hirte das eine nicht mehr. Er sucht es aufopferungsvoll, um es wieder zu finden und in seine Arme zu schließen. Die Übertragung ist für die Kinder leicht und schwer zugleich. Die Geschichte selbst kommt ihnen schnell nah und rasch erkennen sie ihren Sinn. Doch „die Sache mit Gott“, die hinter dem Gleichnis steckt, bereitet manchem mehr, manchem weniger Kopfzerbrechen.

Wir leben in einer Zeit, in der die Bibel im täglichen Leben der Kinder selten geworden ist. Auch das Wort „Gott“ ist in vielen Zusammenhängen rar geworden, obwohl sich an der Sehnsucht der Menschen nach ihm nichts geändert hat. Die Zeit Jesu war anders. Die Gleichnisse stießen auf „geübte Ohren“. Dabei dürfen wir aber nicht übersehen, dass Jesus mit den damaligen Zuhörern wiederum ganz eigene Probleme in der Verständigung hatte. Ein „wissenderes Ohr“ musste nicht immer ein „offeneres Ohr“ sein.

Damals in Israel lag die Sache mit Gott „irgendwie in der Luft“. Ich staune über Jesu Geduld und Kreativität. Wohin er auch blickte, immer sah er Zusammenhänge zwischen der sichtbaren Welt und der Wirklichkeit Gottes. Er zog seine Vergleiche so direkt, weil er eine unmittelbare Verbindung mit Gott hatte. Gerade das, was unauffällig, klein oder missachtet war, wurde ihm zum Beispiel für Gottes beständige Treue.

Im Wochenspruch deutet Jesus seinen eigenen Weg im Gleichnis. „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein, wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht." Er vergleicht sich mit dem Samenkorn, das der Sämann sät. Zunächst liegt es bloß auf der Erde, wie er einst in der Krippe im Stall zu Bethlehem. Dann kommt es unter die Erde. Das ist Jesu Weg zum Kreuz und seine Grablegung. Jeder sah darin nur „das Ende".

Ein Samenkorn weiß nichts von seinem Weg. Jesus kennt seinen Weg. Es zeigt sich in all dem sein inniges Vertrauen, das er zu Gott hat. Alle Schmerzen, die ihm auferlegt sind, legt er in Gottes Hände. „Dein Wille geschehe!" Wir wissen, dass das Weizenkorn nicht in der Erde blieb, sondern nach Ostern hundertfache neue Frucht brachte. Wir lernen daraus: Die auf Gott vertrauen, werden nicht zuschanden. Gott weiß die Wege durch alle Tiefen hindurch, sogar durch Trauer und Tod. Gott führt die Wege hinein ins Leben.

Pfarrer Stefan Hucke

Andacht zum 3.Sonntag der Passionszeit - Okuli

 

Der Gottesknecht rettet Leben

Eine gefährliche Situation am Badesee: da ruft einer um Hilfe und jemand hört, springt beherzt ins Wasser und bringt mit viel Mühe und Geschick den Ertrinkenden sicher an Land. Geschafft! Freude und Dankbarkeit wird beide im Rückblick durchströmen. Diese Rettung wäre nicht gelungen ohne einen, der sich selbst um des Hilflosen willen in große Gefahr begab. Es gibt in unserem Leben eine ganze Reihe von Situationen, wo jemand, der uns wirklich helfen will, alles riskieren muss. Das hängt mit einem seltsamen Zug von uns zusammen. Wir lassen oft die Dinge schleifen, schieben auf die lange Bank, bringen uns selbst dadurch in Gefahr oder werden für andere gefährlich.

Jesus Christus ist mit dem Rettungsschwimmer zu vergleichen, der dem Gefährdeten zu Hilfe kommt. Paulus nennt im Römerbrief die Art unserer Gefährdung beim Namen: „Sünde", das heißt unsere Wegwendung von Gott. Modern ist es, für alles ein bisschen Interesse zu zeigen, aber es nur nicht zu übertreiben. Wer anders lebt, gilt als hoffnungslos altmodisch.

Jesus dagegen „übertreibt es sehr“. Sein Antrieb ist nämlich die Liehe Gottes. Er kennt unser Inneres und weiß, dass es um Hilfe ruft, auch dann, wenn wir selbst diesen Ruf noch nie hörten wollten. Er kennt unsere Welt mit ihren Schmerzen und Rissen. Die Bibel bezeugt, dass er darum sein Kreuz auf sich nahm, um den Menschen, uns Menschen, das Leben zu retten. Volles Risiko für ihn. Wir aber haben uns auch daran gewöhnt. Wer lässt sich von ihm herausreißen aus der Gefahr und erretten? Wer öffnet sich seiner Hand, im Trott des Alltags oder in den brüchigen Sicherheiten, die wir uns zusammengebaut haben? Er kann und er will uns das Leben retten.

Pfarrer Stefan Hucke